Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) – Ach Gott vom Himmel sieh darein – Choralkantate – MWV A13, 1832

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) – Verleih uns Frieden gnädiglich – 1831

 

 

Felix Mendelssohn Bartholdy

 

wurde am 3. Februar 1809 als Kind einer berühmten jüdischen Familie in Hamburg geboren. Ersten Klavierunterricht erhielt er von seiner Mutter, später unter anderem von Ludwig Berger und Ignaz Moscheles. Im Alter von neun Jahren trat er zum ersten Mal öffentlich auf, gemeinsam mit seiner Schwester Fanny. In den 1820er Jahren unternahm er zahlreiche Konzertreisen durch Frankreich, Italien, England und Schottland. 1833 wurde er Musikdirektor in Düsseldorf. 1835, also etwa 100 Jahre nach Johann Sebastian Bachs Schaffen in Leipzig, wurde Felix Mendelssohn Bartholdy dort Gewandhauskapellmeister.

 

Zusammen mit Verlegern, Gelehrten und anderen Komponisten gründete er 1843 das Leipziger Konservatorium. Im Frühjahr 1847 erlitt Mendelssohn einen Schwächeanfall, als er vom Tod seiner geliebten Schwester Fanny erfuhr. Er erholte sich nicht mehr davon. Er starb nach zwei Schlaganfällen am 4. November 1847 in Leipzig.

Im Gegensatz zu Johann Sebastian Bach waren Mendelssohns Anstellungen „weltlicher“ Natur. Sein musikalisches Schaffen bezüglich sakraler Musik liegt wohl in der religiösen Geschichte seiner Familie und die damit verbundene Auseinandersetzung mit dem jüdischen und christlichen Glauben begründet. Mendelssohn war, trotz jüdischer Herkunf, getaufter Christ.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wollte eine „tolerante“ preußische Regierung die Juden in die Gesellschaft integrieren und erleichterte den Übertritt zum Christentum. Viele Juden wechselten damals den Glauben (zum Teil tatsächlich, zum Teil nur auf dem Papier) und erlangten somit alle staatsbürgerlichen Rechte. Anschließend machten Juden, die vorher am Rande der Gesellschaft gelebt hatten, große Karrieren; Beispiel: Mendelssohns Onkel Jacob Salomon, der Bruder der Mutter Lea, konvertierte 1805, erhielt 1813 eine Stellung in Hardenbergs Staatskanzlei, wurde 1815 Generalkonsul in Rom und 1818 Preußischer Handelsattaché am Toskanischen Hof. Auf ihn geht übrigens der Beiname Bartholdy zurück, ursprünglich der Name eines 1779 von Salomons Großvater Daniel Itzig gekauften Pachthofes in Berlin-Luisenstadt. Da 1779 auch das Geburtsjahr Jacob Salomons war, liegt hier wohl Grund oder Anlass für die Wahl. Aus dem Juden Jacob Salomon wurde der Christ Jacob Bartholdy.

 

So einfach war die Sache für Felix Mendelssohns Vater nicht. Nach langem Zögern ließ Abraham seine vier Kinder am 21. März 1816 in Berlin taufen und folgte dem Beispiel seines Schwagers – allerdings ohne seinen alten Namen aufzugeben. Den so entstandenen Doppelnamen wollte er ohne Bindestrich geschrieben sehen, weil der Name Mendelssohn, der ja die jüdische Herkunft unmißverständlich verriet, in der nächsten Generation wegfallen und damit die Familie vollständig christianisiert sein sollte.

 

Dieser fehlende Bindestrich, den man oft auf Programmen oder CDs gedankenlos ergänzt findet, hat insofern eine Geschichte und ist von Bedeutung. Felix Mendelssohn und seine drei Geschwister kamen dem Wunsch des Vaters nicht nach. Sie alle trugen ihren alten Namen mit Stolz und lehnten den Beinamen ab. Man bekannte sich zur Familie und zum berühmten Großvater. Moses Mendelssohn, der große Philosoph, hatte sich noch erfolgreich und teilweise sogar mit Humor gegen jede Aufforderung zum Religionswechsel gewehrt.

Abraham hatte den Glauben seines Vaters nicht. Das „Eintrittsbillett in die europäische Kultur“, so Heinrich Heine damals über die Taufe, hatte er aber vor allem für seine Kinder gezogen. Der Preis war ein Verlust an Identität, denn die vollständige Integration sollte sich für die Mendelssohns als Illusion erweisen. Eine weniger bekannte jüdische Familie, deren getaufte Kinder später Christen heirateten, konnte ihre Vergangenheit vielleicht hinter sich lassen, nicht aber die Familie des einflussreichen Philosophen und Aufklärers, dessen Sohn eines der größten Bankhäuser Berlins leitete und dessen Enkel zu Lebzeiten als der meistgespielte zeitgenössische Komponist galt.

 

So führte Felix Mendelssohn ein Leben zwischen den Gesellschaften, seine Abstammung war bekannt und wurde nicht nur damals, sondern bis heute immer wieder thematisiert. Engere persönliche Bindungen ging Mendelssohn als Erwachsener aber nicht mehr ein, alle guten Freunde stammen aus der Jugendzeit und zählten quasi zur Familie. Gesellschaftlich blieb der erfolgreiche Musiker trotz seiner geselligen Natur isoliert. Mendelssohn, dessen Leben oft als glanzvoll und sorglos dargestellt wird, hatte immer wieder Ablehnung und Demütigung erfahren müssen. Als Kind wurde Felix des öfteren als Judenjunge diskriminiert und brutal an seine Herkunft erinnert.

 

Als er sich als 24jähriger, aber schon reifer Meister auf den Posten des Leiters der Singakademie zu Berlin bewarb und zugunsten eines mittelmäßigen Mitbewerbers abgewiesen wurde, lagen antisemitische Beweggründe auf der Hand. Zunehmend wurde sich der Komponist seiner schwierigen Position in der Gesellschaft bewusst. Er gehörte weder zu den Juden noch zu den (deutschen) Christen und hatte lediglich in der Familie eine Heimat. So ist auch verständlich, dass Mendelssohn nach dem Tod eines Familienmitglieds immer in Depression versank, schließlich ohne sich wieder zu erholen, nach dem Tod seiner Schwester Fanny im Mai 1847.

 

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