Free at last – Spiritual

Russisches Volkslied – ensemble „in Time“ – Mogilev/ Belarus

 

Freedom is coming – Spirituals und Lieder von der Freiheit

 

Gefangen sein  – das kann ganz unterschiedlich aussehen – die Sehnsucht nach Freiheit auch.

Denken wir an das Volk Israel in Ägypten, oder an die Sklaven in den USA  oder die von der Apartheid unterdrückten Schwarzen in Süd-Afrika oder erinnern wir uns an unsere Hoffnung in der DDR, endlich frei reden zu können, endlich sich frei bewegen zu können.

Ob bei Mose oder bei Luther oder bei Martin Luther King oder bei jedem von uns –  immer geht es um eine urmenschliche Sehnsucht. Die Sehnsucht, frei zu sein.

Ein genauso urmenschliches Erlebnis von Freiheit war gleichzeitig immer das Singen in allen Lebenslagen und unter allen Umständen.  Und so haben die Menschen immer schon von der Freiheit nicht nur geredet,

sondern vor allem gesungen.

 

Martin Luther fragte immer wieder: Wie werde ich frei von der Angst und von der Sünde und von Tod und Teufel ?

In seinem großartigen Lied Nun freut euch lieben Christen g’mein: singt er

Dem Teufel ich gefangen lag, im Tod war ich verloren,

mein Sünd mich quälte Nacht und Tag, darin war ich geboren.

In seiner Suche nach Freiheit entdeckt Luther wie

das Evangelium – auf englisch Gospel – Menschen mitten in Tod und Sünde  frei macht.

 

Diese Erfahrung lässt ihn singen.  So schreibt er in einer Gesangbuchvorrede von 1545:

…wer  solches mit Ernst gläubet, der kann’s nicht lassen,

 er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen…

Kein Wunder, das Luthers erstes wichtiges Lied Nun freut euch lieben Christen g’mein mit der Aufforderung zum Singen beginnt

…lasst uns fröhlich springen, …und mit Lust und Liebe singen.

 

Dass das Singen nicht nur Fröhlichkeit ausdrückt ist Martin Luther und etwa auch Paul Gerhardt klar gewesen.

Luther beschreibt das neue Lied als das Lied vom Kreuz – also ein Lied, durch das man in aller Anfechtung sogar bis zum Tod getragen wird.  Und Paul Gerhardt singt: Heut als die dunklen Schatten mich ganz umgeben hatten, hat Satan mein begehret, Gott aber hats gewehret.

 

So nannten die Sklaven in Amerika ihre Gesänge nicht nur Spirituals (geistliche Lieder) sondern Sorrow songs – Lieder der Traurigkeit.  Diese Gesänge haben weit entfernte afrikanische Melodien und Rhythmen, die Hoffnung der biblischen Botschaft und die persönlichen Leidenserfahrungen verschmolzen – diese Gesänge waren in sich eine Tür zur Befreiung für die Sklaven.  Eine andere Welt öffnete sich beim Singen. Und die Hoffnung wuchs und blühte, die Hoffnung auf eine Welt, in der keine Trauer mehr ist, eine Welt, wo Freiheit herrscht.

Wenn wir heute diese Lieder hören und singen, dann lässt sich  ihre damalige Kraft nur etwas erahnen.

 

Wenn wir auf die Texte sehen, dann fällt auf,  dass überwiegend Worte aus dem Alten Testament  darin zu finden sind – wie im Lied Go Down, Moses.   Auf den zweiten Blick ist es aber nicht überraschend, dass die Geschichten von der  Befreiung der Israeliten aus Ägypten (das Lied Go Down, Moses erzählt davon) oder von der  Befreiung Daniels (Didn’t my Lord Deliver Daniel?) für die Sklaven wichtig waren.

 

Die biblische Befreiungsgeschichten des Alten Testaments halfen den Sklaven, durch ihre Erzählung im Lied versteckt ihre eigene Geschichte zu singen, ohne bestraft zu werden.

 

Nach dem Ende von Bürgerkrieg und Sklaverei in den USA,  haben die Afro-Amerikaner ihre Spirituals nicht mehr gesungen.  Diese Lieder waren zu  sehr voller Trauer und Erinnerung an eine schreckliche Zeit der Gefangenschaft.  Fast wären die Spirituals in Vergessenheit geraten, wenn nicht später wichtige afroamerikanische  Sänger und Sängerinnen sie entdeckt und verbreitet hätten.  So sind heute die Spirituals der Sklaven für Menschen in der ganzen Welt  Trost in der Gefangenschaft und Hoffnung auf Freiheit.

 

Text: Sarah Herzer (Schlosskirchenkantorin) & Siegfried Kasparick (Regionalbischof)